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Handwerk und Gewerbe News. Über 100 Tsd. Betriebe präsentieren sich hier.

 

In einem Pressestatement zur Frühjahrskonferenz des Deutschen Handwerkskammertags (DHKT) in Sundern bewertet ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke die ersten Pläne der neuen Regierung, wie es dem Handwerk in Deutschland geht und welche Reformen aus Sicht der Handwerksbetriebe notwendig sind. - Arbeit der Koalition: Inzwischen hat die Regierung nach einer in der bundesdeutschen Geschichte unvergleichlich langen Regierungsbildung und Hängepartie zwar endlich ihre Arbeit aufgenommen. Doch schon beim Koalitionsvertrag musste man feststellen, dass eine Ausrichtung auf Zukunft und wichtige Impulse für Modernisierungen fehlen, eine erkennbare politische Gesamtstrategie fehlt. Nur im Punkt der längst überfälligen Stärkung der beruflichen Bildung und dem geplanten Berufsbildungspakt wurde ein entscheidendes Thema – die Fachkräftesicherung – angegangen. Die finanzielle Förderung kann schließlich nicht immer nur einseitig in die Hochschulen fließen. Wir brauchen gerade auch für die berufliche Bildung mehr Förderung.

Dieser Forderung des Handwerks wurde im Koalitionsvertrag entsprochen. Jetzt muss die konkrete Umsetzung zeigen, ob das angekündigte verstärkte Engagement für die berufliche Bildung mit einer entsprechend umfangreicheren finanziellen Unterfütterung versehen wird.

Mehr Flexibilität statt mehr Beschränkungen und bürokratische Verpflichtungen

In den Bereichen Steuerpolitik, Digitalisierung, Rente und Arbeitsrecht fehlte jedoch der Mut zur Gestaltung. Da wird Gegenwart verwaltet, aber nicht Zukunft gestaltet. Gerade im für die Wirtschaft so wichtigen Bereich der Digitalisierung wird offenbar billigend in Kauf genommen, dass Betriebe auf dem Land, die längst digital aufgestellt sind, auf absehbare Zeit von einer leistungsfähigen Anbindung ans Internet abgehängt bleiben.

Gegenwärtig scheint es, als drohen der Wirtschaft mit der neuen Regierung neue zusätzliche Belastungen. Das Teilzeitrecht etwa soll im Sinne der Arbeitnehmer „weiterentwickelt“ werden, wird den Unternehmen aber faktisch die Souveränität über die Arbeitszeitgestaltung entziehen und die Personaleinsatzplanung weiter erschweren. Neuester Vorschlag ist die Einführung einer sogenannten Brückenteilzeit, also eines befristeten Teilzeitanspruchs, der es ermöglichen soll, nach einer im Voraus zeitlich befristeten Teilzeitphase wieder zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren. Es schafft aber neue Probleme, wenn jeder Beschäftigte das Rückkehrrecht ohne Weiteres für sich beanspruchen kann, nur, um beispielsweise für einen gewissen Zeitraum sein Hobby besser ausleben zu können, während Kolleginnen und Kollegen mit zeitlichen Engpässen im Zusammenhang mit familiären Betreuungs- und Pflegeproblemen zu kämpfen haben. Innerbetriebliche Konflikte sind vorprogrammiert.

Schon jetzt gibt es in zahlreichen Betrieben auf freiwilliger Basis flexible betriebliche Vereinbarungen im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugunsten der Arbeitnehmer. Beschäftigten, die Kinderbetreuung und Angehörigenpflege übernehmen möchten, bietet das Arbeitsrecht ebenfalls gegenwärtig ausreichende gesetzliche Gestaltungsmöglichkeiten. Insofern besteht hier überhaupt kein weiterer Regelungsbedarf. Aber ausgerechnet das ist der erste Gesetzesaufschlag des neuen Arbeitsministers Hubertus Heil.

Das ist für unsere Betriebe gerade nicht das Signal, das sie sich erhofft hätten: statt mehr Flexibilität haben sie sich auf mehr Beschränkungen und bürokratische Verpflichtungen einzurichten.

Gesamt-Handwerkskonjunktur

Trotz dieser Aussichten auf ein Regierungshandeln, das weniger die Notwendigkeiten für erfolgreiches Wirtschaften als vielmehr die sozialpolitische Rundumversorgung im Blick hat, zeigt sich das Handwerk im Frühjahr kraftvoll. In einem guten Konjunkturumfeld stellen die Betriebe ein und investieren. Sie sind sehr gut ausgelastet, besonders jene im Bau- und Ausbaubereich sowie in den Handwerken für den gewerblichen Bedarf. Die genauen Zahlen zur bundesweiten Situation des Handwerks werden wir im Verlauf der nächsten Woche bekannt geben, die aktuellen Zahlen zur Handwerkskonjunktur hier in der Region wird Ihnen gleich Herr Niemand geben. Aber so viel sei von meiner Seite schon verraten: Es sieht weiterhin gut aus fürs deutsche Handwerk. 

Sogar so gut, dass viele Betriebe oftmals gar keine weiteren Aufträge mehr annehmen können, weil sie einfach nicht genügend Fachkräfte finden. Uns wie auch der gesamten Wirtschaft, fehlt der Nachwuchs, und das schon über Jahre.

Fachkräftemangel

Das Handwerk rührt seit Jahren intensiv die Werbetrommel für die berufliche Ausbildung und die vielfältigen Berufsmöglichkeiten, die sich jungen Menschen im Handwerk bieten. Seit acht Jahren macht die Handwerkskampagne jungen Menschen Lust auf Handwerk. Wir sprechen Jugendliche vor allem auch über die Social Media Kanäle an und stellen ihnen die vielfältigen Möglichkeiten in den über 130 unterschiedlichen Ausbildungsberufen im Handwerk vor. Auch die Handwerkskammern sind sehr aktiv. Sie setzen vermehrt Spezialisten für das "Matching" zwischen Betrieb und Auszubildenden ein; Coaches betreuen Betriebe und Auszubildende, um Abbrüchen vorzubeugen; Ausbildungsberater mit ausländischen Wurzeln betreuen ebensolche Ausbildungsbewerber. Sie  legen sich ins Zeug mit  Ausbildungsbörsen oder Speed Datings. Dazu werben wir intensiv um Abiturienten, sprechen auch gezielt Studienaussteiger an und machen die Karrieremöglichkeiten im Handwerk transparent.

Zwar zeigen unsere vielfältigen Bemühungen um Nachwuchs Erfolg: Wir haben bundesweit - gegen den demografischen Trend - wieder steigende Zahlen bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen - zum dritten Mal in Folge und zudem deutlich stärker als in den Vorjahren. Dennoch hatten wir auch am Ende des vergangenen Jahres etwa 15.000 Lehrstellen, die unbesetzt geblieben sind. Und man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass das vermutlich auch in diesem Jahr ähnlich sein wird.

Der Wettbewerb um die Talente und Jugendlichen ist hart, besonders vor dem Hintergrund von zwei Entwicklungen: Zum einen gibt es heute rund 120.000 weniger Schulabgänger pro Jahrgang als noch vor gut zehn Jahren. Zum anderen hält der Drang in Richtung Abitur und Studium an – häufig auch deshalb, weil viele junge Menschen in der Schule nichts von den möglichen anderen Berufswegen gerade auch im Handwerk hören – dabei wäre der Karriererat für eine berufliche Ausbildung für viele junge Menschen sicherlich eine sehr gute Alternative, wenn man sich die hohen Studienabbruchzahlen ansieht. Ganz offenbar finden viele an der Uni nicht das, was sie sich erhofft hatten.

Die öffentliche Wahrnehmung der Gleichwertigkeit des beruflichen und des akademischen Bildungsweges hinkt immer noch weit hinter der tatsächlichen Gleichwertigkeit her. Deswegen weisen wir immer wieder darauf hin: Im deutschen Qualifikationsrahmen steht der Handwerksmeister mit dem Bachelor auf einer Stufe. Im Verlauf seines Lebens verdient der Meister sogar genauso so viel wie oder gar mehr als sein akademischer Freund. Der Meisterbrief ist quasi eine Jobversicherung. Die Chancen im Handwerk liegen nicht nur in den über 130 Ausbildungsberufen und vielfältigen Qualifizierungsmöglichkeiten. Ganze 200.000 Betriebe werden in den kommenden fünf bis sechs Jahren an einen Nachfolger übergeben werden. Wo, frage ich, gibt es einen anderen Wirtschaftsbereich, in dem die Aussichten besser sind, sich schon in jungen Jahren selbstständig zu machen, sein eigener Meister zu sein. Im Handwerk kann man sich verwirklichen, Zukunft nicht nur in die Hand nehmen, sondern auch schaffen.

Berufliche Bildung

Positiv nehmen wir wahr, dass sich zumindest langsam wieder ein Umdenken einzustellen scheint. Gerade die Politik lenkt zunehmend den Fokus auf den individuellen und gesellschaftlichen Wert der dualen Ausbildung und auf deren Gleichwertigkeit zur akademischen Ausbildung. Dass sich der Bundespräsident und seine Ehefrau an die Spitze dieser Bewegung stellen – zuletzt im Rahmen der Woche der beruflichen Bildung - das schätzen wir außerordentlich hoch ein. 

Doch auch einige unserer Betriebe können sicher noch eine Schippe drauf legen, wenn es darum geht, junge Menschen anzusprechen, ihnen die Türen zu öffnen, etwa während eines Tages der offenen Tür oder für Praktika. Manche Betriebe bieten bereits Nachhilfeangebote für nicht so schulstarke junge Menschen an.

Denn klar ist: Wir brauchen alle - die Bildungsstarken, die Betriebe leiten und führen, wir brauchen aber auch alle anderen. Wir können uns nicht erlauben, die jungen Leute, die vielleicht ein Handicap haben oder nicht die schulstärksten sind, zurückzulassen. Gerade diese jungen Menschen haben im Handwerk gute Chancen.

In letzter Zeit wurden vermehrt die Ausbildungsqualität und die Ausbildungsvergütungen kritisch diskutiert. Unsere Betriebe nehmen ihre Ausbildungsverantwortung sehr ernst. Sie erbringen bereits eine große Ausbildungsleistung, und sie würden sogar sehr gerne noch mehr Jugendliche ausbilden. Jeder Zehnte, der im Handwerk tätig ist, ist ein Lehrling. In der Gesamtwirtschaft beträgt die Ausbildungsquote hingegen nur rund 5 Prozent. Ausbilden heute heißt, mit Qualitätsanspruch die Fachkräfte für morgen zu sichern. Diese Ausbildungsleistung wegen einzelner Fälle, wo es vielleicht einmal nicht so gut passt, insgesamt in Misskredit zu bringen, ist unredlich.

Es ist auch nicht hilfreich, wenn junge Menschen derzeit fälschlicherweise immer wieder hören, jeder vierte Azubi werfe seine Lehre vorzeitig hin. Tatsächlich löst die Hälfte davon den Vertrag lediglich, um die Ausbildung in einem anderen Betrieb oder einem anderen Ausbildungsberuf fortzusetzen. Es sind also nur etwa 12 bis 13 Prozent „echte  Ausbildungsab-brecher“ – und damit deutlich weniger als Studienabbrecher.

Dringend verbessert werden muss die bislang unzureichende Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen, damit die jungen Menschen eine Vorstellung der verschiedenen Chancen bekommen und realistische Erwartungen entwickeln können. Haupt- und Realschulen machen hier schon viel. Von Gymnasien kann man das noch nicht behaupten. Die Lehrer dort müssen in Zukunft in alle Richtungen informieren. Die jungen Menschen müssen erfahren, dass es im Handwerk attraktive Karriereoptionen bis hin zum Meister und der Gründung eines eigenen Betriebes und berufliche Chancen in allen Zukunftsfeldern - etwa im Bereich der Energiewende, der E-Mobility oder von Smart-Home gibt. Wir haben hoch innovative Betriebe, die tolle Produkte und Dienstleistungen herstellen, die modernste Arbeitsumfelder für ihre Mitarbeiter bereitstellen und neueste Technik nutzen. Es kann zudem nicht sein, dass leistungsfähige junge Menschen nichts von den Alternativen erfahren, bei denen die berufliche Bildung integriert wird wie etwa beim dualen oder gar trialen Studium.

Wir arbeiten jedenfalls an neuen Bildungsinstrumenten und haben in sechs Bundesländern zusammen mit der Kultusminister-Konferenz das Pilotmodell „BerufsAbitur“ gestartet: Gesellen-Ausbildung plus Hochschulreife, also Zwei in Einem. Damit stehen den jungen Menschen im Handwerk alle Türen offen. Im neuen Schuljahr gehen weitere Bundesländer mit dem BerufsAbitur an den Start.

Zuwanderung

Im Bereich der Integration von Flüchtlingen zeigt sich, dass nach wie vor die größte Hürde für einen erfolgreichen Abschluss der Lehre die Sprachdefizite sind, ebenso unzureichende Kenntnisse in Rechnen, Schreiben und Lesen. Davon lässt sich das Handwerk in seinem Integrationsengagement aber nicht abschrecken – im Gegenteil hat sich die Zahl der ausländischen Auszubildenden im Handwerk, die aus den acht nichteuropäischen Asylzugangsländern kommen, mehr als verdoppelt. Mittlerweile befinden sich über 11.000 Personen mit einer Staatsangehörigkeit aus einem dieser acht Asylzugangsländer in einer Ausbildung im Handwerk. Das ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen herausragend und ein Erfolg, den wir vor allem dem Einsatz der vielen Betriebe verdanken.

Wie groß die Integrationsleistung des Handwerks bei der betrachteten Personengruppe ist, verdeutlichen besonders zwei Zahlen: Unter allen Auszubildenden bundesweit haben die Handwerksauszubildenden einen Anteil von 27 Prozent. Aber fast jeder zweite Auszubildende aus einem der acht Asylzugangsländer macht seine Ausbildung im Handwerk (aktuellste vorliegende Daten für 2016: 48,4 Prozent).

Unbefriedigend ist in diesem Kontext aber nach wie vor die Ungewissheit für die Betriebe, dass Azubis je nach Status der Duldung vielleicht doch noch während ihrer Ausbildungszeit abgeschoben werden können. Diese Unsicherheit ist kein Zustand, weder für die Betriebe noch die Auszubildenden. Die 3+2 Regelung muss endlich wirklich bundesweit einheitlich in den Bundesländern angewandt werden. Nach dieser Regelung dürfen auch Geduldete, die eigentlich ausreisepflichtig sind, ihre dreijährige Lehre beenden und noch zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben, ohne eine Abschiebung fürchten zu müssen. Das ist eine Perspektive für den Auszubildenden, und der Unternehmer erhält Planungssicherheit und zudem auch etwas von seiner Investition während der Ausbildungszeit zurück.

Fahrverbote für Dieselfahrzeuge

Ein Thema zum Schluss, das unseren Betrieben massiv auf den Nägeln brennt: die Dieselproblematik und die in einigen Städten drohenden Fahrverbote. Wenn es dazu wirklich kommt, wird das für manche Betriebe existenzgefährdend sein. Die Fuhrparks unserer Betriebe bestehen zu 80 bis 90 Prozent aus Dieselfahrzeugen, sie sind auch mangels Alternativen an entsprechenden E-Nutzfahrzeugen bis auf weiteres darauf angewiesen.

Fahrverbote treffen die Falschen. Unsere Betriebe müssten dann die Zeche für Fehler und Versäumnisse zahlen, die sie selbst nicht zu verantworten haben, sondern Politik und Autohersteller. Es kann aber wohl nicht sein, dass dies so läuft, und dass man den Betrieben jetzt den schwarzen Peter dafür zuschiebt, dass sie vor ein paar Jahren darauf vertraut haben, neue Fahrzeuge unter Einhaltung gültiger Abgasnormen zu erwerben. Wenn die Betriebe nun von einem auf den anderen Tag ihren Fuhrpark nicht mehr nutzen können, dann wälzt man auf sie eine Problematik ab, die stattdessen von den Verursachern der Krise behoben werden muss: Die Autohersteller stehen hier – gemeinsam mit der Politik - in der Pflicht, dass technische Nachrüstungen eine Option bleiben.

Niemand kann ein Interesse daran haben, dass Innenstädte durch Fahrverbote nicht mehr angefahren und somit auch nicht mehr versorgt werden können. Deshalb sollten jetzt alle an einem Strang ziehen, um Fahrverbote zu vermeiden. Dazu gehört auch, dass Politik, Städte und Kommunen sich sofort daran machen, alle zur Verfügung stehenden Optionen zur Schadstoffreduzierung noch intensiver umzusetzen, etwa durch den zügigen Ausbau des ÖPNV, intelligente Verkehrsleitsysteme oder die Nachrüstung von Dieselbussen.

 

 
 

 

 

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