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Als im November 2016 die Ergebnisse der europaweiten Studie „GenerationWhat?“ veröffentlicht wurden, lautete die Schlagzeile zu den Befunden aus Deutschland: „Junge Menschen haben wenig Vertrauen in Politik, Kirche,Medien. 18- bis 34-Jährige sind überwiegend skeptisch gegenüberInstitutionen“. Die Kirche steht also nicht viel besser da als die staatlichenund demokratischen Einrichtungen, wenn es um das Vertrauen der Bürgerbzw. in diesem Fall der jungen Menschen geht.

Das Vertrauen in Institutionenschwindet, nicht nur bei den jungen Menschen. Und dieser Rückgang desVertrauens betrifft nicht nur staatliche und politische Institutionen, Organe undParteien, sondern auch Großorganisationen und damit auch die Kirchen. Derpolitische Vertrauensverlust und der in die gesellschaftlichen Institutionengehen Hand in Hand, sicherlich bedingen sie sich auch gegenseitig.Doch was bedeutet das überhaupt: Vertrauen? Vertrauen ist der Glaube daran,dass mein Gegenüber ehrlich und rechtschaffen ist, mir nichts Böses will, oderaber der Glaube daran, dass gewisse Sachverhalte stimmen und nichtverfälscht sind. Vertrauen ist sozusagen der Glaube an das Gute im Menschen.

So gesehen ist eine Vertrauenskrise in gewisser Hinsicht auch eineGlaubenskrise – wenn natürlich auch eine ganz andere als der zurückgehendeGlaube an Gott. Vertrauen ist auch für Religion essentiell. Gottvertrauen ist dieGrundlage des Glaubens; Gottvertrauen gibt aber auch Gelassenheit für dieirdischen Fragen. Das Vertrauen auf Gott und in die Mitmenschen ist einezutiefst menschliche Eigenschaft. Ein Leben ohne Vertrauen wäre unmöglich. In unseremAlltag vertrauen wir andauernd, ohne es auszusprechen.

Wenn man anfängt, über Vertrauenzu sprechen, ist es in der Regel eigentlich schon verloren oder zumindest im Schwindenbegriffen. Vertrauen ist die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Daher ist dieSorge über ein Schwinden des Vertrauens so berechtigt. Wir stellen uns die Frage, warum Menschen das Vertrauen in die demokratisch gewählten Institutionen verlieren. Warum gibtes Mitbürger, die den freien Medien unseres Landes misstrauen, die doch eine Voraussetzungder Demokratie bilden, und stattdessen lieber ausländischer Propaganda und gefälschten odererfundenen Meldungen im Internet Glauben schenken?

Das Besondere am Vertrauen ist, dass man es nicht erzwingen kann. Wir können noch so vielargumentieren, Vertrauen lässt sich nicht einfach nur durch rationale Erwägungen herstellen.Das ist insofern problematisch, als in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung, aber auchdie individuellen und gesellschaftlichen Freiheitsgewinne insgesamt die Umstände undVerfahren sowohl in der repräsentativen Demokratie als auch in der Sozialen Marktwirtschaftimmer komplexer machen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als immer wieder zu erklären,zu erläutern und zu werben, auch wenn das alleine nicht genügen wird.

Die Antworten auf die immer schwieriger werdenden Fragen in der Welt werden jedenfalls nicht einfacher werden,sondern ebenfalls komplexer.Vertrauen muss man sich erwerben; und es geht schneller verloren als es wiedergewonnen werden kann. Menschen und Institutionen müssen Glaubwürdigkeit ausstrahlen,vertrauenswürdig sein, sonst schenkt man ihnen kein Vertrauen. Das ist eine Herausforderungfür Staat und Gesellschaft, Parteien und Medien. Sie müssen sich anstrengen, um dasVertrauen der Bürger zu erwerben. Vertrauen beruht zu einem gewissen Teil auch aufGegenseitigkeit. Je mehr ich merke, dass mir jemand vertraut, umso mehr bin ich auch bereit,ihm zu vertrauen.

Insofern stellt sich die Frage, inwieweit Staat und Gesellschaft den Eindruck erwecken, auch den Bürgern zu vertrauen. Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Staat und Gesellschaft müssen deshalb dafür Sorge tragen, dass Freiheit und Sicherheit in einer Balance gehalten werden. Das gilt für Fragen von innerer Sicherheit gleichermaßen wie vonsozialer Sicherheit. Sozialethisch gesprochen müssen Solidarität und Eigenverantwortung in Einklang gebracht werden.

Wir müssen den Bürgern Freiräume geben und Verantwortungeinfordern, müssen aber gleichzeitig auch soziale Sicherheit bieten.Als Ruhrbischof erlebe ich im Bistum Essen hautnah das Auseinanderklaffen von Arm und Reich in der Gesellschaft und die damit verbundenen sozialen Spannungen. Seit den 1990erJahren zeigt sich entsprechend des internationalen Trends auch in Deutschland eine Zunahme der Einkommensungleichheit. Auffällig ist auf der anderen Seite die wachsendeKonzentration von Vermögen. So halten die einkommensreichsten 10 Prozent derBevölkerung 40 Prozent des gesamten Vermögens. Gleichzeitig schrumpft die Mittelschicht.

Doch unumstritten sind diese Analysen nicht. Zumal es nicht nur viele verschiedene Studienund Datensätze, sondern vor allem auch völlig unterschiedliche politische Bewertungen dieser Daten und Fakten sowie Interpretationen der Entwicklungsursachen gibt. Hinzu kommt, dassdie Ergebnisse der Analyse und die persönliche Wahrnehmung oftmals voneinanderabweichen. Übertreibung und Skandalisierung münden in Formulierungen wie „Armut warnoch nie so hoch“ oder „Abstiegsrisiken sind gestiegen“, womit die Gefahr besteht, dasVertrauen in den Sozialstaat zu untergraben und Ängste und Unsicherheit zu schüren. Denndie Übertreibungen führen dazu, die wahren Probleme, die tatsächlich mit sozialerUngleichheit einhergehen, zu übersehen.

Der Blick auf die spezifischen Umstände vonarmutsgefährdeten Personengruppen wie Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose undNiedrigqualifizierte wird verstellt. Zudem lenken sie ab von der Frage nach dengesellschaftlichen Folgen der Ungleichheit. Soziale Ungleichheit kann Wohlstand,Demokratie und den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens gefährden. Dieser Zusammenhaltschwindet, wenn der Eindruck vorherrscht, der Aufschwung käme nur bei den Reichen an undes ginge nicht gerecht zu. Die Unzufriedenheit mit der Gesellschaft wächst, wenn eineGesellschaft immer ungleicher und Aufstiegs- und Partizipationschancen eher weniger alsmehr werden.

Viele fürchten, unsere Gesellschaft produziere zu viele Verlierer und zu wenigGewinner.Damit verbunden ist die Sorge der Mittelschicht, nach unten abzusinken. Sie sieht ihreAufstiegschancen und die ihrer Kinder gefährdet. Gerade die Mitte der Gesellschaft darfjedoch nicht den Eindruck haben, der von ihr durch Steuern finanzierte Sozialstaat werdeseiner Aufgabe nicht gerecht. Die Mittelschicht war über Jahrzehnte hinweg der Garant einesgesellschaftlichen Zusammenhalts. Durch einen Fahrstuhleffekt hatten sich in derNachkriegszeit die Lebensverhältnisse für alle verbessert. Heute besteht die Sorge, dassmanche ganz nach oben fahren, während andere schon weiter unten aussteigen müssen.

Es sind gerade diese Sorgen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährden. Schließlichgeben nicht nur die Zukurzgekommenen ihrem Unmut Ausdruck. Vielmehr tragen auchMenschen, die in gefestigten beruflichen und sozialen Verhältnissen leben, zum Erfolg – zumBeispiel von Pegida und AfD – bei. Wer den Populisten das Wasser abgraben will, sollte dasThema soziale Ungleichheit ernst nehmen. Allerdings müssen wir aufpassen, keinenUntergangsdiskurs zu führen, bei dem vor allem die Mitte der Gesellschaft den Eindruckgewinnt, es ginge ihnen schlecht oder es drohe ihnen bald schlechter zu gehen.Nur wenn die Bürger das Gefühl haben, es gehe insgesamt gerecht zu in unserem Land,werden sie dem Gemeinwesen auch Vertrauen entgegenbringen. Ohne Vertrauen in denSozialstaat und den Rechtsstaat wird der soziale Zusammenhalt in unserem Land weiterbrüchig.

Nicht nur die Politik, alle gesellschaftlichen Gruppen und damit auch die Kirchensind gefordert, ihren Beitrag zu leisten, um die gesellschaftlichen Verhältnisse gerecht zugestalten und damit das Vertrauen der Menschen zu stärken.

Quelle: Statement von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Essen), Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz,

 

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